Polen
Hauptstadt:
Warschau
Das Land ist zum größten Teil ein in der Eiszeit geformtes
Tiefland (fast drei Viertel des gesamten Gebietes erreichen nur weniger als
200 m Höhe) mit flachen, lehmigen Platten und ost-westlich gerichteten, sandigen
Urstromtälern. Von der Ostseeküste, einer Ausgleichsküste mit zahlreichen
Nehrungen, Haffen und Strandseen, steigt das Land nach Süden über die breit
ausgebildete Tieflandzone mit dem Baltischen Landrücken und dem Mittelpolnischen
Tiefland zur schmalen Mittelgebirgsregion der Sudeten und Kleinpolnischen
Hochfläche an. Im äußersten Süden greifen die Ausläufer der Karpaten auf Polen
über. Die Jungmoränenlandschaft des Baltischen Landrückens mit ihren zahlreichen
Seen wird durch die Weichselniederung in die Pommersche Seenplatte im Westen und
die Masurische Seenplatte im Osten gegliedert. Die Hauptflüsse Weichsel und Oder
fließen von Süden nach Norden; das Land gehört fast ausschließlich zum
Einzugsbereich der Ostsee.
Polen wartet mit einem der schönsten Abschnitte der Ostseeküste
auf: bis zu 60 m hohe Dünenwälle, von Strandhafer und Kiefernwäldchen am Wandern
gehindert, vereinzelt auch Steilhänge, dazu sandige Nehrungen, wie die Frische
Nehrung oder die Halbinsel Hela, mit abgeriegelten Buchten, seichten Haffen oder
abgeschlossenen Strandseen. An der weit ins Land reichenden Mündungsbucht der
Oder sowie im Mündungsdelta der Weichsel liegen Stettin, Danzig und Gdingen.
Danzig
(polnisch Gdansk) ist eine bedeutende Hafen- und Handelsstadt in Polen
und Hauptstadt der Wojewodschaft Pomorskie, die Stadt liegt am Zusammenfluss von Mottlau und Toter Weichsel.
Der Stadtkern war vor der Zerstörung (Ende März 1945) ein
Kleinod der Baukunst des Mittelalters und der Renaissance, mit prächtigen
Häuserfronten und Toren, überragt von der Marienkirche (14./15. Jh.). Die Altstadt wurde
inzwischen mit ihren wertvollsten Bauwerken historisch getreu wieder aufgebaut.
Danzig hat mehrere staatliche und private Hochschulen (u. a.
Universität, gegründet 1970) und Theater und ist katholischer Bischofssitz. Mit
Gdynia und Sopot bildet Danzig heute eine Stadtregion.
Im Hinterland der Küste schließt sich eine typische
Moränenlandschaft mit Wäldern und Gewässern an: die Seenplatte Pommerns,
Pommerellens und Masurens. In Masuren durchbrechen immer noch - wie im Volkslied
besungen - wilde Schwäne mit ihrem rauschenden Flügelschlag die nächtliche
Stille, und Störche zieren mit ihren Nestern Bauernhäuser und Kirchtürme. In
dieser an urwüchsig herben Naturschönheiten reichen, an fruchtbarem Boden jedoch
armen Region sind unzählige kleinere und größere Seen zwischen dunklen Wäldern
und grünen Wiesen versteckt. Die Seen sind größtenteils durch Flüsse und Kanäle
miteinander verbunden. Das "Masurische Meer", der Spirdingsee, ist mit einer
Fläche von 122 km² Polens größter Binnensee und Heimat einer größeren Zahl der
zwischenzeitlich selten gewordenen, inzwischen in ihren Beständen aber wieder
stabilisierten Graureiher. Bei Lötzen befindet sich auf der Hohen Insel ein
großes Naturschutzgebiet für Kormorane - Polen ist ein Land mit ausgeprägtem
Natur- und Landschaftsschutz.
Das sehr niedrig gelegene Mittelpolnische Tiefland bietet ein
von den Eiszeiten geformtes Landschaftsbild: Flache Lehmplatten werden von
breiten, sanderfüllten, vielfach auch versumpften Talfurchen - den Urstromtälern
- zerschnitten. Dort, wo im Vorland von Endmoränen Geröll und Sand, so genannte
Sander abgelagert wurden, dehnen sich heute Heideflächen aus, die wie die
Tucheler und Johannisburger Heide von Kiefernwäldern bestanden sind. Wo sich
jedoch Schmelzwasser sammelte, entstanden breite Urstromtäler, denen heute
teilweise Oder und Netze, Warthe, Weichsel und Bug folgen. Mittelpolen ist
überwiegend ein ausgedehntes Ackerbaugebiet mit einigen bewaldeten Hügeln.
Östlich der Weichsel finden sich jedoch noch nahezu unberührte, riesige Wälder
mit altem Baumbestand. Ein Paradies besonderer Art ist die Puszcza Kampinoska in
Masowien, ein Wald-, Sumpf- und Dünengebiet zwischen der Weichsel und ihrem
Nebenfluss Bzura, in dem Elche, Wölfe, Füchse und Wildschweine ein beschütztes
Dasein führen. Da die Weichsel inzwischen so verschmutzt ist, dass sie bereits
als "toter Fluss" gilt, sind die Tage des Paradieses allerdings gezählt.
Über der niederschlesischen Lößebene im Südwesten erhebt sich
das bewaldete Gebirgsland der Sudeten. Das Riesengebirge mit der 1602 m hohen
Schneekoppe ist der bekannteste Teil der 300 km langen Bergkette der Sudeten.
Hier leben in einem großen Naturschutzpark unter anderem noch Mufflons. Östlich
der Oder setzt sich das Mittelgebirge in der Kleinpolnischen Hochfläche
fort.
Die südöstliche Grenze Polens bilden die Karpaten, die über
eine von Flüssen durchzogene Hügellandschaft zu den Gebirgsketten der Hohen
(West-)Beskiden, der Hohen Tatra und der Niederen (Ost-)Beskiden ansteigen. Die
sanften Kuppen der Beskiden sind dicht bewaldet, nur wenige Gipfel ragen über
die Waldgrenze hinaus - so der Babia Góra (1725 m) in den Hohen Beskiden. In den
Niederen Beskiden finden sich in einem Nationalpark noch unberührte Urwälder mit
Bären, Wölfen, Wisenten und Luchsen.
Eiszeitlich überformte Gipfel, durch Gletschererosion
verbreiterte und übertiefte Täler sowie tosende Wasserfälle verleihen der Hohen
Tatra Hochgebirgscharakter. Über dunkle Fichten- und Lärchenwälder, auf die in
höheren Lagen grüne Almen mit ihren im Herbst rot leuchtenden Vogelbeerbäumen
folgen, erheben sich kahle Felsgipfel mit schroffen Wänden, Graten und Karen, in
die malerische, kristallklare Bergseen, die so genannten Meeraugen, eingebettet
sind. Der höchste Berg ist mit 2499 m der Rysy (Meeraugspitze).
Das Klima
ist beständig wechselhaft. Der geographischen Lage entsprechend liegt Polen im
Übergangsbereich zwischen ozeanisch geprägtem mitteleuropäischen und
kontinentalem osteuropäischen Klima. Da natürliche Lufthindernisse fehlen, ist
der Verlauf der Jahreszeiten bei meist unbeständigem Wetter recht
unterschiedlich. Die Winter sind entweder trocken kalt mit langen, jedoch meist
von Tauwetter unterbrochenen Frostperioden oder warm und feucht. Die
Niederschläge fallen
vorwiegend in den verhältnismäßig warmen Sommern, in denen Temperaturen von
30 °C keine Seltenheit sind. Klimatisch liegt Polen im Übergangsbereich von ozeanisch
geprägtem mitteleuropäischem und kontinentalem osteuropäischem Klima.
99 % der Bewohner sind Polen, die stärksten ethnischen
Minderheiten stellen Deutsche, deren Zahl auf rd. 400 000 geschätzt wird, sowie
Ukrainer (300 000) und Weißrussen (200 000). 96% gehören der
römisch-katholischen Kirche an, die traditionell eine bedeutende Rolle in der
Gesellschaft spielt. Die Bevölkerung ist sehr ungleichmäßig verteilt. Am
dichtesten besiedelt sind die zentralpolnischen Ballungsräume um Warschau und
Lódz sowie der südliche Landesteil mit dem oberschlesischen Industriegebiet und
der Region Krakau.
Wichtigstes Transportmittel ist noch immer die Eisenbahn. Der
Anteil der Kraftfahrzeuge an der Gesamtverkehrsleistung nimmt aber rasch zu. Die
größten Seehäfen sind Stettin, Gdynia und Danzig; die wichtigsten Flughäfen
befinden sich in Warschau, Lódz und Breslau.
Warschau
Einer aus Moskau, der nach Paris will, und ein Pariser auf dem Weg nach Moskau
kommen nach sehr langer Fahrt morgens in Warschau an, und beide glauben, sie
wären am Ziel ...", so die Worte von Andrzej Szczypiorski, einem der bekannten
zeitgenössischen polnischen Schriftsteller und Teilnehmer am Warschauer Aufstand
- aber: Als am 17. Januar 1945 die Rote Armee in Warschau einzog, lag die
Innenstadt mitsamt dem Königsschloss und dem Marktplatz in Trümmern. Deutsche
Kampfflieger hatten die ehemalige Residenz der polnischen Könige gezielt
bombardiert, Wehrmacht und SS das jüdische Ghetto dem Erdboden gleichgemacht.
Nach dem Warschauer Aufstand war die Stadt systematisch gesprengt und
niedergebrannt worden. Zurück blieben nur wenige Überlebende und verbrannte
Erde. Wer als Warschauer nicht in einem Vernichtungslager umgekommen oder nach
dem Aufstand interniert worden war, der war geflohen. Die Stadt, die der
venezianische Maler Bernardo Bellotto - bekannter unter seinem Künstlernamen
Canaletto - während seines zwölfjährigen Warschau-Aufenthaltes im 18.
Jahrhundert in gedämpften Farben auf der Leinwand festgehalten hatte, hatte
aufgehört zu existieren
Für Polen, dessen Regierung nie kapituliert und dessen staatliche und
militärische Strukturen selbst unter der deutschen Besatzung im Untergrund
weiterbestanden hatten, war von Anfang an klar: Warschau musste - koste es, was
es wolle - wieder aufgebaut werden. Doch die Architektengeneration, die nach
1945 in den Trümmern der Stadt ihre
Chance sah, wollte das bürgerliche Warschau der Vorkriegszeit nicht nachahmen - ein neues, modernes Warschau sollte entstehen. Für dieses Ansinnen
musste Raum geschaffen werden, sodass selbst die wenigen noch erhaltenen Bauten
der Vorkriegszeit der Spitzhacke geopfert wurden. Es gab auch Ausnahmen,
z.B. die Altstadt von Warschau. Für deren Wiederaufbau wurden der Stadtplan aus dem Mittelalter
und die Architektur des 18. Jh. zugrunde gelegt.
Die Hauptstadt Warschau war, ist und bleibt die am stärksten pulsierende
Metropole dieses Landes. Hier dreht sich alles um den Neubeginn, Aufbau und
Wachstum. Hier spürt man allerdings auch, dass diese Impulse nicht von dieser
Stadt selber gesendet werden. Sie macht eher einen überforderten Eindruck, als
ob sie den Trends und den Ansprüchen der Zeit irgendwie nacheifern würde. Als ob
eine „fremde“ Kraft hier die Fäden in der Hand hätte. Hier sieht man moderne
Wolkenkratzer neben alten Backstein-Hausfassaden, die durch die auffallenden
Einschusslöcher stark an die Vergangenheit erinnern. Hier reihen sich arme
Straßenverkäufer und Handwerker an neue, schicke Einkaufszentren. Ein bunter,
spannender Fleckerlteppich, der in einem Rahmen aus Hoffnung ein prächtiges
Kunstwerk bildet, das man besonders bei einem Spaziergang durch die Innenstadt
und am östlichen Ufer der Weichsel auf sich wirken lassen kann.
Krakau
Krakau
liegt südwestlich von Warschau, es war der Krönungsort der polnischen Könige und
vom 12.-17. Jh. polnische Hauptstadt und zudem
Universitätsstadt. Hier war das einstige jüdische Viertel Kazimierz mit Stara Synagoga aus dem
14. Jh. Polen war im ausgehenden Mittelalter die politische und militärische
Führungsmacht in Osteuropa. Der Wawel in Krakau war bis 1596 die Residenz der
polnischen Könige. Nachdem Polen zuvor schon Gebiete verloren hatte, teilten
jedoch 1795 Russland, Preußen und Österreich das Land unter sich auf. "Finis
Poloniae" hieß es damals -"Das Ende Polens ist gekommen". Doch das Volk hörte
nicht auf, gegen dieses scheinbar unabänderliche Schicksal zu rebellieren.
Aus welcher Richtung man auch immer die Altstadt von Krakau
betritt - zum Marktplatz ist es nicht weit. "In Krakau wanderte jeder Einwohner
mindestens fünfmal am Tag über den Marktplatz. Ob zur Bank oder ins Café, wohin
er auch ging - er musste den Markt überqueren. Und wo immer er sich befand,
überall erreichten ihn die vier Uhren und die Trompetenstöße des Türmers der
Marienkirche", erinnerte sich der Krakauer Autor Tadeusz Boy-Z?elénski an seine
Heimatstadt zur Jahrhundertwende. Auch wenn die Stadt am Fuße des Wawel-Berges
sich seitdem verändert hat, das Herz des alten und neuen Krakau schlägt immer
noch hier.
Der Rynek Gl/ówny, der Hauptmarkt, ist einer der schönsten
mittelalterlichen Plätze Europas - großzügig, weit und gar nicht erdrückend. Das
verdanken die Krakauer Boleslaw dem Keuschen. Mitte des 13. Jahrhunderts ließ er
der am Ufer der Weichsel liegenden Marktsiedlung, die beim Überfall der Tataren
schwer gelitten hatte, mit einem großen Marktplatz als Mittelpunkt städtischen
Lebens ein neues Gesicht geben: ein Geviert von 200 mal 200 Metern, auf das von
allen Seiten geräumige Straßen zuliefen. Sie teilten die Stadt in ein
Schachbrett von quadratischen Häuserblocks, die eine ringförmige Wallanlage
umgab. An ihrer Stelle trennt heute eine ringförmige Parkanlage die Altstadt von
den anderen Stadtvierteln.
Rings um den Platz wuchsen zweistöckige, reich verzierte
Bürgerhäuser mit schmalen Fronten und tiefen Höfen; unten befanden sich
Werkstätten, oben die Wohnräume. Bereits in der Gotik errichtet, hat man sie
später im Stil der jeweiligen Epoche umgestaltet. Herrscht auch der Eindruck
strenger Renaissance vor, sind Ausschmückungen an der Fassade oft von
verspieltem Barock geprägt. Auch für das mittelalterliche Rathaus, von dem
lediglich noch der Turm steht, und für mehrere Kirchen bot der Platz genügend
Raum. Und natürlich war an die Händler gedacht, denn Krakau lag am
Kreuzungspunkt mehrerer großer Handelsstraßen. Statt zahlreicher kleiner Buden
entstand die 100 Meter lange Tuchhalle, "Sukiennice". Sie ist heute neben der
Marienkirche d e r Blickfang der Altstadt.
Dass der Stadtkern in seiner historischen Form so vollkommen erhalten blieb -
die deutschen Besatzungstruppen hatten die Altstadt bereits vermint, als die
Rote Armee 1945 durch ein überraschendes Manöver die Sprengung verhinderte -
macht den Reiz der Stadt aus. Doch das mittelalterliche Kleinod hat auch mit
Umweltbelastungen zu kämpfen. Sie machen sich nicht zuletzt durch das am
Stadtrand gelegene Stahlwerk Nowa Huta bemerkbar. So fielen die mächtigen
Apostelfiguren an der St.-Peter-und-Paulus-Kirche, dem ersten Barockgebäude der
Stadt, der Luftverschmutzung zum Opfer. Sie wurden durch Kopien ersetzt, die nun
alljährlich chemisch gereinigt werden müssen.
Kunst
Architektur
Architektur, Plastik, Malerei und Kunsthandwerk in Polen haben
sich seit dem Mittelalter in steter Auseinandersetzung mit fremden Einflüssen
auf den Grundlagen einer reichen und bis heute lebendigen Volkskunst
entwickelt.
Spätromanischen Bauten (z.B. Kathedrale in Krakau) folgten am Anfang des 13. Jh.,
vermittelt durch die Zisterzienser, gotische Bauformen, deren Anwendung einen
Höhepunkt in der Krakauer Bauschule erreichte (Marienkirche in Krakau;
Jakobskirche in Thorn, 14. Jh.). Barocke
Gestaltungstendenzen drangen um 1600 ein und verbreiteten sich im 17. Jh. vor allem durch
italienische Meister (Heiligkreuzkirche in Warschau, seit 1682; Schloss Wilanów
bei Warschau, seit 1681; Schloss Rydzyna, 1696–1704). Der Klassizismus bestimmte
die Bauentwicklung seit dem ausgehenden 18. Jh. vor allem in Warschau
(Palais Staszic, 1820; Großes Theater, 1832 u. a.).
Nach 1945 fand Polen auf der Grundlage einer nüchternen, maß-
und geschmackvollen Baugesinnung zu einem an westeuropäischen
Architekturvorbildern orientierten Stil. Mustergültiges wurde in der
Restaurierung der zerstörten Altstädte (Warschau, Danzig u. a.)
geleistet.
Plastik
Der im Mittelalter übliche Backsteinbau stand der Ausbildung
einer nationalpolnischen Bildhauerkunst entgegen; die Entwicklung wurde bis zum
16. Jh. hauptsächlich von Deutschen (Veit Stoß, Hochaltar der Marienkirche zu Krakau, 1489) und Italienern
bestimmt. Die polnischen Meister Jakób T. Twardowski und Jan M. von
Urzedów vertraten in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts mit Grabmälern in
Krakau, Lowicz und Posen (polnisch Poznan) eine italienische Richtung, die bis
zum Barock vorherrschend blieb, während im 18. Jh. französische
Einflüsse dominierten (Reiterstatue des Königs Johann III. Sobieski). Zu Beginn des 19. Jh. unterlag die
polnische Bildhauerkunst Einflüssen von B. Thorvaldsen und A. Canova; um 1900 bestimmten vor allem A. Rodin und A. Bourdelle ihren Stil. Die Werke der "Polnischen Formisten"
orientierten sich am westlichen Kubismus. Die gegenwärtige polnische Bildhauerkunst ist auf
der Suche nach neuen Ausdrucksmitteln.
Malerei
Die polnische Buchmalerei des 13. und 14. Jh. war
stark von Frankreich und Italien beeinflusst. Russische Maler, die um 1400 von
König Wladyslaw Jagiello berufen wurden, führten byzantinische Stilformen
in Polen ein (Fresken der Kathedrale von Wawel und im Schloss von Lublin). In
der zweiten Hälfte des 15. Jh. wuchs der Einfluss der deutschen Kunst: A. Dürer und H. von Kulmbach hielten sich in Krakau auf. Im 17. und 18. Jh.
herrschten italienische und niederländische Einflüsse vor. Zu Beginn des 19.
Jh. entstand eine eigenständige, romantische Malerschule. Individualist unter den Romantikern
war P. Michalowski mit seinen bewegten, stimmungsvollen Tierbildern,
Genre- und Schlachtenszenen. Um 1850 entwickelte sich mit H. Rodakowski und J. Matejko eine nationale Historienmalerei, der einige Jahrzehnte
später mit J. Stanislawski und A. Gierymski eine Landschaftsmalerei in der Art des französischen
Impressionismus folgte.
Die polnische Malerei der Gegenwart hat nach einigen Jahren
staatlich reglementierter Kunst (1949–1955) den Anschluss an westliche
Stilströmungen gefunden. Mit den Werken von M. Jarema, T. Kantor u. a. leistete Polen einen beachtlichen Beitrag zur
abstrakten Malerei. Hervorragende Leistungen von internationalem Rang erreichte
die moderne polnische Gebrauchsgrafik, besonders die Plakatkunst (J. Lenica u. a.) und die Buchillustration.
Literatur
Die polnische Literatur entwickelte sich erst spät und
allmählich aus einem lateinischen Schrifttum, das in der Hauptsache von Annalen,
Traktaten und Chroniken gebildet wurde. Als ältestes Literaturdenkmal in
polnischer Sprache ist das aus dem 11. Jahrhundert stammende, 1408
aufgezeichnete Marienlied "Bogurodzica" ["Gottesmutter"] überliefert, dem
weitere kirchliche Schriften, z. B. Predigten und Heiligenleben, folgten. Fortan
kam die Landessprache in der Kirche immer mehr in Gebrauch, und als sich der
Buchdruck im 16. Jahrhundert ausbreitete, konnte sich eine nationalsprachige
Literatur vollends durchsetzen.
Ein breites Publikum fand die polnische Literatur erst im 18.
Jahrhundert, das mit der Aufklärung den französischen Einfluss ins Land brachte.
Der bedeutendste Dichter dieser Zeit war der Bischof I. Krasicki, der geistreiche Epen, Satiren, Fabeln und lehrhafte
Romane schrieb und den man den "polnischen Voltaire" genannt hat. Auch
entwickelte sich nun ein Theaterleben nach französischem Muster. Die Romantik im
19. Jahrhundert war das "goldene Zeitalter" der polnischen Literatur. Man
bestimmt ihren Anfang mit der 1797 von J. Wybicki gedichteten Nationalhymne "Noch ist Polen nicht verloren".
Sie ruft zum heiligen Kampf gegen die Unterdrücker auf, die Polen aufgeteilt
hatten. A. Mickiewicz wird als größter polnischer Dichter verehrt. Er schrieb
neben Balladen, Romanzen, Sonetten und der dramatischen Dichtung "Ahnenfeier"
das gewaltige Versepos "Herr Thaddäus" (1834), ein Preislied auf seine
litauische Heimat, die er als Verbannter verloren hatte. Das gleiche Schicksal
teilte und beschrieb J. Slowacki. Der dritte große Romantiker war Z.
Krasinski, dessen Drama "Die ungöttliche Komödie" für eine Erneuerung des
polnischen Volkstums durch Glauben und Gesittung kämpfte.
Nach 1863
gewann ein ernüchterter Realismus die Oberhand und zeigte als bedeutendste
Leistung den Geschichtsroman. Weltberühmt wurde H. Sienkiewicz mit dem Roman "Quo vadis" (1894–1896) und Romanen aus
der polnischen Vergangenheit. Am Ende des 19. Jh. gelangte das "Junge
Polen" zu einer Ausdrucksweise, die neuromantische, symbolistische und
Dekadenz-Züge aufwies. Die neue, gegen Realismus und Naturalismus gerichtete
Bewegung wurde von dem Maler und Dramatiker S. Wyspianski angeführt. Ihr
sind auch der Erzähler und Dramatiker S. Przybyszewski sowie die Lyriker J. Kasprowicz und K. Tetmajer zuzurechnen. Dem Stilkünstler S. Zeromski, dem Verfasser von "Zu Schutt und Asche" und anderen
Romanen, gebührt der Ruhm, der modernen polnischen Prosa entscheidende
Anregungen vermittelt zu haben. W. Reymont erhielt 1924 den Nobelpreis für sein vierbändiges
Romanwerk "Die Bauern".
Nach dem 1. Weltkrieg verlor
die polnische Literatur an Bedeutung.
Nach dem 2. Weltkrieg bekam zwar auch die polnische Literatur
den sozialistischen Realismus als Richtschnur vorgeschrieben, jedoch verfiel sie
nicht der Eintönigkeit. Die Leiden des polnischen und jüdischen Volkes im Krieg
und die Nachkriegszeit waren die vorherrschenden Themen besonders der Prosa.
Viele maßgebliche Autoren veröffentlichten im Ausland,
so W. Gombrowicz oder C. Milosz (Nobelpreis 1980). Der Bezug auf die nationale Geschichte
wie auch der Einfluss gesamteuropäischer Strömungen prägten das literarische
Schaffen am Ende des 20. Jh. Die lyrische Produktion, etwa durch Z. Herbert oder W. Szymborska (Nobelpreis 1996) vertreten, ist im Gegensatz zur
Prosa ungewöhnlich dominierend.
Musik
Während aus der Zeit bis zum 15. Jh. nur geistliche
Musik und folkloristisches Singen nachgewiesen werden kann, gewann die das
polnische Musikleben beherrschende Krakauer Musikkultur in der 1. Hälfte des 15.
Jh. an Bedeutung. Im 16. Jh. fand die niederländische
Kontrapunktik in Polen ihren Niederschlag, die italienische Polyphonie vor allem
im Schaffen von Mikolaj Zielenski, der 1611 in Venedig 121 Werke
religiöser Musik veröffentlichte. Elemente der Volksmusik kamen vor allem in den
Werken Mikolaj Gomólkas zum Ausdruck, wie überhaupt polnische Tänze
europäische Verbreitung im 16. Jahrhundert fanden.
Die wichtigsten Vertreter der Barockmusik waren in Polen M.
Mielczewski, B. Pekiel und G. Gorczycki; als bedeutendster
Komponist von Instrumentalmusik wurde A. Jarzebski bekannt.
Zu Beginn des 17. Jh. wurde auch die italienische Oper
in Polen eingeführt. Als Schöpfer der polnischen Nationaloper
gelten M. Kamienski, dessen Oper "Nedza uszczesliwiona" ("Not im
Unglück") 1778 die erste in polnischer Sprache war, und J. Stefani.
Aus der 2. Hälfte des 18. Jh. stammen die ersten
Sinfonien. Die Polonaise, sehr früh auch in Schweden bekannt, wurde in Polen von
J. Kozlowski und M. K. Oginski entwickelt, also vor F. Chopin, wie
überhaupt eine reiche Klavier- und Hausmusikpflege entstand. In der
klassisch-romantischen Epoche wurde Warschau zum Musikzentrum. Als Komponisten sind besonders
zu nennen: J. X. Elsner, der Lehrer Chopins, Fürst A. H.
Radziwill, K. Kurpinski, I. F. Dobrzynski und S. Moniuszko, der Vertreter der polnischen Nationaloper.
Der bekannteste und genialste Komponist und Pianist Polens
wurde F. Chopin. Zahlreiche
Klaviervirtuosen, z. B. Paderewski, Koczalski, Friedman, A. Rubinstein, W. Landowska trugen den Ruf der Musikalität des polnischen Volks
in die Welt und ergänzten so, was zuvor, besonders aber seit dem Wirken von
Chopin, die polnische Volksmusik mit ihren Tänzen Krakowiak, Kujawiak, Oberek,
Mazurka, Polonaise geleistet hatte. Im 20. Jh. nehmen die polnischen
Komponisten an allen Strömungen der neuen Musik teil, wenn auch zwischen 1945
und 1955 einige aus kulturpolitischen Gründen ins Exil gingen. Zu nennen sind T.
Szeligowski, A. Tansman, R. Palester, B. Szabelski, G.
Bacewicz, A. Panufnik. Mit dem Musikfestival "Warschauer Herbst"
(seit 1956) ist die moderne, besonders serielle und elektronische Musik Polens
international anerkannt. Bedeutende Vertreter sind: T. Baird. H. M. Górecki, W. Lutoslawski, K. Meyer, K. Penderecki, K. Serocki.